Sammlung Deutscher Wertsätze

Die von Mariel Gottwick 2002 angelegte „Sammlung Deutscher Wertsätze“ beinhaltet Zitate deutscher Werbeslogans. Die Zitate wurden von ihr mit einer fortlaufenden Nummer, der Nennung des werbenden Unternehmens und dem Publikationsjahr versehen.

Mariel Gottwick sammelt Werbeanzeigen, wie sie sich tagtäglich im Internet, in Zeitschriften oder an Plakatwänden anbieten. Im fortlaufenden Sammelprozess formten sich unterschiedliche Kategorien heraus. Die Künstlerin teilt die „Sätze“ in Wertsätze, Leitsätze, Lehrsätze, Sparsätze, Vorsätze und Merksätze ein.

Allgemein bekannt ist, dass die Werte, die in solchen Werbebotschaften formuliert werden, immer an kommerzielle Absichten gekoppelt sind. Mit süßen Verheißungen und großspurigen Versprechungen wird zum Konsum angeheizt. Von ihrem ursprünglichen Platz in den Werbemedien, mit hehren Werten und Emotionen aufgeladen, transportiert Mariel Gottwick die Zitate in ein neues Umfeld, das meistens nicht der Werbewelt entspringt und die Sätze in eine Reihe mit Sinnsprüchen, Weisheiten oder gesellschaftlich relevanten Leitbildern stellt. 

 

 


 

 

 

 

„WERTMUNDSATZ“

2016

Video, 2:34 Min.

Das Video „WERTMUNDSATZ“ gehört zu der Serie „Sammlung Deutscher Wertsätze“. Sie ist eine Sammlung von Zitaten aus deutschen Werbetexten. Ganz offensichtlich wird, dass die Werte, die in solchen Werbebotschaften formuliert werden, immer an eine kommerzielle Absicht gekoppelt sind, das heißt ein Konsument soll geworben werden.

In dieser Arbeit zitiere ich 3 „Sätze“ aus verschiedenen REISE-Anzeigen, in denen das Reiseangebot auf Träumen und Sparen reduziert wird. Die Anzeige verspricht eine Traumreise, zum entspannen und genießen für wenig Geld, dabei bekommt der Zielort eine eher nebensächliche Rolle.

Im Video wird die inhaltliche Aussage der Sätze ins Zentrum der Aufmerksamkeit gestellt, der Fokus ist auf Mund und Stimme gesetzt. Eine Stimme, einer unsichtbaren Person, die aus einer räumlichen und zeitlichen Distanz zu sprechen scheint, suggeriert eine Art „Stimme aus dem Off“, das Wahre und gute Leben einflüsternd. Begleitet von einem Sonarton, bekommt die Stimme einen besonderen Stellenwert. Im Filmverlauf verschiebt sich diese Wahrnehmung und verkehrt sich eher ins Gegenteil. Der Ton der Stimme wird eindringlicher, während sie penetrant die gleichen Fragmente wiederholt, die keinen Sinn ergeben. Im Raum bleibt ein dissonanter Nachklang. Realität und Wunschtraum fallen auseinander.

 

 


 

 

 

 

„Das gekaufte Herz“, 2016

Papiertragetaschen Schrift gelasert, farbige Leuchtdioden, Seidenpapier 

„Glauben auch Sie immer noch, dass Wertanlagen nichts mit Emotionen zu tun haben?“. Mit diesem Werbeslogan regt ein Juwelier zum Nachdenken an. Die Frage impliziert die Antwort – Wertanlagen haben etwas mit Emotionen zu tun!

In einer saturierten Gesellschaft, in der wenige materielle Bedürfnisse zu Tage treten, erzeugen Werbung und Medien von außen künstliche Bedürfnisse nach dem Außergewöhnlichen. Es scheint, als herrsche ein Mangel an emotionalen Erfahrungen, ein Hunger nach aufregenden Erlebnissen und Ausnahmezuständen, Spontaneität, Liebe und Leidenschaft. 

„Heute konsumieren wir letzten Endes nicht Dinge, sondern Emotionen. Die Emotionen entfalten sich jenseits des Gebrauchswertes.“ Zitat Byung Chul Han.*

In einem dunklen Raum stehen, erhöht auf Sockeln, 5 weiße Papiertragetaschen, jede, von innen mit verschieden farbigen LED – Lämpchen erleuchtet. Aus den Tragetaschen sind vorderseitig Werbeslogan von verschiedenen Unternehmen heraus gelasert. Die Taschen scheinen im Innern zu glühen und durch das Auslasern der Schrift, wird diese besonders hervorgehoben. 

Die Werbebotschaft strahlt verheißungsvoll in leuchtenden Farben. Farben erzeugen beim Menschen Emotionen, die durch Erinnerungen an Ur-Erfahrungen des Lebens auf der Erde geprägt sind. Eine solch diffuse, emotionale Stimulierung durch Farben, wird konkret in Verbindung mit jenen Werbebotschaften, die auf eindeutige Wünsche und Sehnsüchte abzielen. 

 

* Zitat aus Byung Chul Han, Psychopolitik Seite 65, „[…] Heute konsumieren wir letzten Endes nicht Dinge, sondern Emotionen. […] Die Emotionen entfalten sich jenseits des Gebrauchswertes.[…]“.

 

 


 

 

 

 

„Übereier“, 2010, 

Temporäre Installation , bedruckte Folien in Eiseiern eingefroren, je 14 cm hoch, Dauer mehrere Stunden, 

„Übereier“ – der Name weist einerseits darauf hin, dass die Eier eine Überraschung verbergen, wie die bekannten Schoko – Überaschungseier, andererseits weist die Vorsilbe ,Über’ auch auf Worte, wie Übergang, Wandel, Transfer hin.

Auf Folien gedruckte Werbeslogan sind in Eiseiern eingefroren. Die Eier hängen an feinen Nylonfäden von oben herab. Die bedruckten Folien scheinen zart farbig durch die Eisschicht hindurch. Nach einigen Stunden Tauzeit beginnt die Schrift auf den Folien deutlicher lesbar zu werden. Das Lesbare bleibt jedoch fragmentarisch. Während des Tauprozesses fallen in regelmäßigem Rhythmus Wassertropfen auf den Boden – ein beinahe meditativer Vorgang. 

Durch den gedehnten Prozess der Installation werden die Erwartungen des Betrachters zum Ende hin extrem zugespitzt, was konträr zu der üblichen Vorgehensweise der Werbemacher steht – kurz, schrill und schnell erfassbar soll die Botschaft sein. Zum Ende hin nimmt der bis dahin sehr  langsame, leise Verlauf eine abrupte Wende. Der Eiskern löst sich vom Nylonfaden und fällt auf den Boden. Eissplitter liegen herum, schmelzen, bis am Ende nur  noch versprengte Satzfragmente  in einer Pfütze liegen, aus denen sich schwer sinnvolle Sätze bilden lassen. Keine schöne Überraschung, keine erhellenden Botschaften, der Betrachter wird allein gelassen mit verheißungsvollen Versprechungen. 

In der Tat – hier wurde nur ein dünnes „Werbesüppchen“ gekocht, wodurch die Strategien der Werbebranche auf eine poetische Weise entlarvt werden.

 

 

 


 

 

 

 

„Blühendes Leben“, 2008

Teppich aus frischen Blütenblättern, L 8,0 x B 1,0 m,

aus dem Werkblock, „Sammlung Deutscher Wertsätze“, 

Zitatesammlung aus deutschen Werbetexten,

Im Wertsatzarchiv, Luxus lebt! , Hofmeister,

Lehrsatz Nr. 1.000.000.096

– Bild links, am Tag der Eröffnung

– Bild rechts, 5 Wochen später, zur Finissage

 

„Blühendes Leben“,

Blumenteppich, 5 Wochen später, zur Finissage

 

 


 

 

 

 

Losungen“, 2008,

2 Gläser mit Schraubverschlüssen, ca. 2000 farbige Papierröllchen-Lose

(bedruckt mit verschiedenen Wertsätzen aus der Sammlung, 50 % Nieten), Münzgeld

 

Auszug aus Dr. Andrea Wolter-Abele,  „Sammlung Deutscher Wertsätze“, 2008

(…)  präsentiert Mariel Gottwick die Leit-, Vor-, Lehr- und Wertsätze in Form einer Performance, die der Ziehung eines Glücksloses, in religiösem Sinn einer Losung gleichkommt. Als Präsent zur Eröffnung darf jeder Besucher gratis seine Riesenchance nutzen und einen Wertsatz, also seine Losung oder vielmehr „Lösung“ als Gratisgewinn ziehen.

In ihrer künstlerischen Handlung schafft es die Künstlerin, die Kraft und werbestrategische Sogwirkung der Marketingmittel in aller Konsequenz vorzuführen, so dass sich die inhaltlichen Aussagen vom Logischen ins Absurde, vom Ernsten ins Komische verschieben.

 

 

 


 

 

 

 

 

Aus der Serie

„Handarbeiten“, 2006

Baumwolle, Handstickerei, H 50 cm x B 50 cm

Aus der „Sammlung Deutscher Wertsätze“

Lehrsatz Nr. 1.000.000.076

Hornbach, 2004, „Liebe dein Zuhause. Dann liebt es Dich auch.“

 

Aus der Serie

„Handarbeiten“, 2006

Baumwolle, Handstickerei, H 112 cm x B 58 cm

Aus der „Sammlung Deutscher Wertsätze“

Lehrsatz Nr. 1.000.000.064

MediaMarkt 2003, „Der Kleinste Preis kennt keinen Feierabend.“

 

 


 

 

 

Aus der Serie

„Heiligenbilder“, 2005

Acrylmalerei auf Holz, vergoldet, gerahmt, H 33,8 cm  x B 28 cm

Aus der „Sammlung Deutscher Wertsätze“,

Leitsatz Nr. 1.000.000.155

Citibank, 2005 „Ein gutes Angebot muss nichts kosten.“

Wertsatz Nr. 1.000.000.145

Media Markt 2005, „Billig macht den Meister!“